Bulgarien – Kirschen, Rosen und Störche

Veröffentlicht

Juni 2020 – Die erste Grenzüberquerung seit dem Coronaausbruch steht endlich an. Können wir wirklich nach fast drei Monaten problemlos aus der Türkei aus- und nach Bulgarien einreisen? Wir haben die Nachrichtenlage ständig beobachtet, mit verschiedenen deutschen Botschaften gemailt und uns in Whats App Gruppen ausgetauscht. Die Info ist: Seit dem 1. Juni ist eine Durchreise ohne 14tägige Quarantäne wieder möglich. Wir fahren auf der leeren Autobahn Richtung Bulgarien. Am Rand steht alle 20 Meter ein Mülleimer – ist das, weil hier sonst kilometerlange LKW Staus sind? Die Grenze ist wie leergefegt, der türkische Schlagbaum verwaist und auch, als dann eine Polizistin kommt, bewegt sich nichts. Irgendwann gehe ich mit den Pässen und Autopapieren zu ihr hin – wir sind einige der wenigen unserer Gestrandetengruppe, die noch innerhalb des gültigen Visazeitraums ausreisen wollen – und die Beamtin stempelt uns dann auch recht zügig aus.

Ein hartnäckiger Mitfahrer will nach Bulgarien mit ausreisen.
Gähnende Leere an der Grenze

Die nächste Station: Eine Desinfektionsschranke, schon mit bulgarischen Wächtern. 5,60 Euro Gebühr, keine Desinfektion, aber eine Quittung. Dann geht es Richtung bulgarischen Grenzkontrollpunkt – vor uns stehen 13 Autos in der Schlange. Ein paar mit deutschem Kennzeichen, türkische und bulgarische, ganz vorne ein Camper aus Deutschland. Ein kurzes Gespräch ergibt: Die PKWs stehen seit einer Stunde, nichts bewegt sich. Wir nehmen es gelassen, haben ja im Auto alles dabei, und scherzen, dass wir die Markise ausfahren und Cai für alle anbieten … irgendwann nach 2 Stunden Stehen geht es Stück für Stück weiter. Die Autos werden akribisch durchsucht, wirklich alles wird rausgeräumt. Na, wenn das bei uns auch so sein soll, stehen wir hier definitv noch was länger! Aber, als wir drankommen, (vorher einen Zettel unterschrieben, dass wir von Covid gehört haben, gesund sind und das Land schnellstmöglich verlassen) wirft der Grenzer nur einen kurzen Blick in den Wagen und wünscht uns eine gute Reise. Wir sind ratlos, warum wir unverdächtig sind, aber hocherfreut!

Bei unserm ersten Stopp, Sakar Hill Camping, klärt uns Matt, der Besitzer auf: Montag, Mittwoch und Freitag sind die Schmuggeltage aus der Türkei, darum wird alles gefilzt. Ach so! Fun Fact: Schildkröten zu Schmuggeln wird höher bestraft als Heroin. Wir kommen auf dem Campground erstmal an und sind die ersten Gäste dieses Jahr. Mit Matt sitzen wir gemütlich zusammen und dürfen sogar bei der samstäglichen Familienquizrunde über FaceTime mitmachen – wir sind geehrt, versagen aber kläglich.

Der erste von unzähligen Störchen

Weiter geht es nach zwei Tagen Richtung Batar Stausee. Bulgarien stand ursprünglich nicht auf der Liste, darum haben wir keine wirkliche Ahnung von dem Land und sind gespannt, was uns erwartet. Erst einmal fahren wir über endlose Autobahn durch flaches Agrarland. Nur Hunderte von Störchen lockern das langweilige Bild etwas auf. Aber als wir dann abbiegen, geht es bergauf und wir finden uns unverhofft in einem alten Skigebiet wieder! Die Straße windet sich durch traumhaften alten Waldbestand, kleine und große Wochenendhäuser stehen hier und da am Rand. Ein kurzer Kaffeestopp und die erste bulgarische Nachtischspezialität: Tatlowa, eine Art Mürbeteigplätzchen, getränkt in Sirup. Der totale Zuckerschock, aber saulecker. Die Strecke führt uns dann in Kurven entlang des Stausees mit vielen Möglichkeiten, sich hinzustellen. Angler halten ihre Angeln ins Wasser, und immer wieder sind kleine Ansammlungen von (Ferien)Häusern am Wasser gebaut. Wir finden etwas erhöht am Waldrand ein schönes Plätzchen und bereiten alles für ein ordentliches Lagerfeuer vor. Ich bin eine ehrgeizige Holzsammlerin und schleppe Sack um Sack Feuerholz aus dem umgebenden Wald an. Der See bietet eine tolle Kulisse und bei Lagerfeuer und einem Glas Wein genießen wir unsern ersten wilden Abend in Bulgarien.

An diesem „Museum“ kommen wir vorbei
Autos, Motorräder, Radios, …
… allerlei Gerümpel …
sammelt der Besitzer ohne sichtbares Konzept.

Die Rila Monasteryaus dem 10. Jahrhundert ist der nächste Stopp auf dem Weg nach Serbien. Es ist das bedeutendste und größte Kloster Bulgariens und gehört zum UNESCO Welterbe. Normalerweise sind dort Busladungen von Menschen, so zumindest lässt es die Infrastruktur auf der schmalen Straße dorthin vermuten. Jetzt sind wir mit einer Handvoll versprengter Besucher dort alleine und bewundern die wunderschöne, unglaublich gut gepflegte Anlage. Die Kirche ist wie bei den orthodoxen Kirchen üblich reich mit Gold geschmückt und voller Heiligenbilder. Ein schöner Ort und absolut wert, dorthin einen Abstecher zu machen!

Unsere Glückssträhne und aus das im Moment sehr unbeständige Wetter hält und unser Übernachtungsplatz ist nach Abfahrt auf einen rumpeligen Feldweg mit Wasserlaufdurchquerung eine sich weit öffnende Wiese, umgeben vom Bergpanorama, an einem rauschenden, eiskalten Flusslauf. Ein Traumplatz! Wieder gibt es Lagerfeuer, und die ersten Grillwürste aus Schwein seit einem halben Jahr. Uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Köstlich! Bei einer kleinen Wanderung erkunden wir die umliegenden Wege und Wiesen und entdecken Wildblumenwiesen mit einer Artenvielfalt, die ihresgleichen sucht. Leider spielt das Wetter nicht immer so gut mit, viel Regen zwischendurch zwingt uns immer wieder, eine Zeitlang im Auto zu bleiben.

Nach drei Tagen verabschieden wir uns von diesem schönen Plätzchen und machen uns auf den Weg weiter nach Sofia. Ursprünglich stand die Sieben Seen Wanderung auf dem Programm, aber Dauerregen und wolkenverhangene Berge sind bei einer Höhe von 2.500 Metern keine gute Voraussetzung. Wir verschieben dies daher auf unseren nächsten, dann etwas weiter im Sommer liegenden Besuch und nehmen stattdessen die Hauptstadt in Angriff. Uneinigkeit herrscht bei der Wahl der Übernachtungsmöglichkeiten: Olaf bevorzugt ein Hotel, ich möchte lieber im Auto schlafen. Die Suche nach einem geeigneten Hotelzimmer verläuft wenig erfolgreich, die beiden angefahreren Optionen sind noch geschlossen. Ein Ass habe ich noch im Ärmel: Etwas außerhalb ist eine Art Campground für vier Camper mit Dusche und Toilette eingetragen. Es sieht gut aus, aber blöderweise stehen wir vor verschlossenem Tor. Mittlerweile ist es 17 Uhr und uns gehen jetzt wirklich die Ideen aus … als wir schon abfahren wollen, kommt zum Glück von hinten jemand angefahren und wir können bei dem wunderbaren, liebenswerten älteren Herrn Ivan unsere Basis aufschlagen. Mit der Metro geht es am nächsten Tag in die Stadt – mit Mundschutz, jeder zweite Platz frei – und wir wandern erstmal zur berühmten Alexander Newski Kathedrale. Ein Schmuckstück aus dem vorletzten Jahrhundertwechsel und auch jetzt: Völlig leer. Ein kleiner, gebeugter, schwarz gekleideter Mann schlurft in der Kirche von rechts nach links, schiebt Aufsteller mit Jesusbildern im Raum herum, zündet Lichter an und aus und ist die wandelnde Personifizierung von einem Kirchenwächter. Die Kirche selbst ist in dämmriges Licht getaucht, und über und über mit religiösen Bildern bemalt. Schön und beeindruckend!

Auf dem Kirchvorplatz ist ein kleiner Flohmarkt mit allerlei religiösen und historischen Stücken und wir erwerben ein wunderbares, definitiv weder religiöses noch historisches Blechschild. Und freuen uns ein Ohr ab. Als der Regen einsetzt, gehen wir das erste Mal seit dem Virusausbruch in ein Restaurant und trinken ein Glas Wein, unterhalten uns ausführlich mit dem Kellner und finden diese Stadt einfach nur spannend, lebendig, und inspirierend. Durch ein paar Seitenstraßen mit vielen kleinen interessanten Geschäften geht es dann in unser Abendrestaurant: Zur bulgarischen Lammspezialität gibt es einen köstlichen bulgarischen Rotwein und unser Kellner hat sogar die Zeit, mit uns zu plaudern. Zum Abschluss der obligatorische Schnaps aufs Haus – „Not too strong! Only 60 %!“ – und wir wandern völlig glücklich nach dem ersten, sehr genussvollen Abend auswärts essen wieder zurück zur Metro, halten noch einen kleinen Schwatz mit dem Plattenladenbesitzer drei Straßen weiter und sind mit der Entscheidung, Sofia zu besuchen, vollkommen zufrieden.

Am nächsten Tag erkunden wir dann die Stadt mit einer Free Walking Tour. Ein Konzept, das uns schon in Sarajewo total überzeugt hat. Für Stefan, unsern Guide, ist es die erste Tour seit drei Monaten und er ist ganz glücklich, dass sich unsere kleine Gruppe von vier Personen eingefunden hat. Normalerweise kommen so 30 Leute zusammen… er macht die Sofia Classic Tour und erzählt uns eine Menge über die Geschichte der Stadt, mit vielen Insideranekdoten gewürzt. Nach drei kurzweiligen Stunden trennen sich unsere Wege und das war dann auch schon unser Sofia Besuch.

Die letzten Tage in Bulgarien brechen an, und nach einem kurzen Aufenthalt in der Werkstatt, um die hinteren Bremsen nachstellen zu lassen, geht es Richtung Norden und serbische Grenze. Wir haben die ganze Zeit geschwankt, ob wir die Hauptgrenze von Sofia aus fahrend nehmen sollen, gilt sie doch aus verschiedenen Gründen als „Schlimmste Grenze Europas“. Daher und weil noch eine kleine Attraktion, die Belogradchik Festung zwischen Kalksteinfelsen inmitten von Wäldern in der nördlichen Richtung liegt, entschließen wir uns dazu, eine kleine Grenze nach Serbien zu nehmen und statten Belogradchik noch einen kurzen Besuch ab. Leider lässt uns das Wetter jetzt fast völlig im Stich, aber ein kurzes, trockenes Zeitfenster nutzen wir, um etwas zwischen den Felsen herumzuwandern und uns – wieder ganz alleine – die Festungsmauern anzuschauen, die zwischen und an die Felsformationen gebaut wurde.

Der Ort selbst hat, wie viele Orte in Bulgarien, seine besten Zeiten lange hinter oder noch weit vor sich. Früher kamen viele Reisegruppen auch als Tagesausflügler der Donauschiffe, aber seit vielen Jahren ist dieser Strom langsam versiegt. Den Eindruck von versiegenden Perspektiven haben wir immer wieder in Bulgarien gehabt, sehr sehr schlechte Straßen, leere Orte mit zerfallenden Häusern, aber die Vorgärten der bewohnten Häuser sind immer gepflegt und mit üppigen Rosen und dem obligatorischen Kirschbaum bepflanzt. Bulgarien ist das Land der Störche, der Kirschen und der Rosen, und das sind Dinge, die überall vorzufinden sind. Dazu kommen liebenswerte, zurückhaltende, aber freundliche Menschen und eine vielseitige, intakte Natur. Nicht nur die Bergketten im Süden sind auf jeden Fall ein guter Grund, noch einmal hierher zurückzukehren, es gibt im ganzen Land viel zu entdecken und zu erleben. Ein weiterer Reisetipp auf dem Balkan!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.