Gestrandet in der Türkei

März/April 2020 – Nach einer guten Woche im Hotel in Mersin kommt an einem Samstag endlich unser Auto im Hafen an. Wir sind an arabische Wochenenden gewohnt und freuen uns schon, aber weit gefehlt: Vor Montag geht garnichts. Am Montag warten wir sechs Stunden vergeblich auf eine E-Mail von Hapag LLoyd, der Agent ist keine große Hilfe. Wir nehmen das kurzerhand selbst in die Hand und fahren zum Hapag Llouyd Büro ums Eck, und siehe da: Nach 15 Minuten haben wir die Info, die wir brauchen. Leider ist der erste Tag damit verloren und frustriert fahren wir zurück ins Hotel.

Irgendwo da steht das Auto
Als man noch konnte: Ein Glas Rosé in der schönen Marina in Mersin

Der nächste Tag wird nicht viel besser: Der Assistent, der mit uns das Prozedere vor Ort regeln soll, spricht kein Englisch und wir müssen erst einmal eine notariell beglaubigte Erklärung aufsetzen lassen. Die muss auch noch übersetzt werden, das Ganze dauert bis 13 Uhr und kostet uns nochmal schlappe 150 Euro. Ein Wutanfall bringt uns leider auch nicht weiter, und wir können immerhin im Büro mehrfach unseren Pass zum Kopieren aushändigen, die Frage nach der Versicherung zum xten Mal beantworten und auch zum tausendsten Mal erklären, dass wir das Auto selbst aus dem Container fahren müssen und dass es natürlich nicht mit dem Stapler rausgehoben werden kann. Achja, und bezahlen müssen wir natürlich auch, und zwar die Hafengebühr. Ein weitgehend erfolgloser zweiter Tag neigt sich dem Ende, am dritten Tag kommen wir immerhin zum Hafen, Olaf kann das Auto aus dem Container fahren und die sehr nette, hilfsbereite Zollbeamtin versucht ihr Möglichstes, irgendwas zu beschleunigen. Und sagt uns nebenbei, dass wir zum Einen das Ganze auch allein hätten machen können und die Agentur viel zu viel Geld verlangt. Na super! Um 16 Uhr sind wir für den Tag fertig, wieder kein Auto. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen muss Interpol persönlich überprüfen, dass das Auto nicht gestohlen wurde, und das geht erst am nächsten Tag. Wir verlängern mal wieder unsern Aufenthalt im Hotel – das zum Wochenende geschlossen wird. Bis dahin sollten wir es geschafft haben! Der nächste Morgen bringt dann endlich den ersehnten Erfolg, aber vorher liegen nochmal die Nerven blank: Weil nun niemand mehr Englisch spricht und wieder neues Personal arbeitet, hören wir mehrfach das Wort „Quarantäne“, weil wir ja Deutsche sind… nur dank der Hilfe eines Türken, der das Theater von Anfang an mitbekommen hat, kann dann die Interpol Abfrage per Computer gemacht werden (wir versuchen schon nicht mehr, irgendeine Systematik hinter dem Horror zu finden) und dann darf Olaf Oscar endlich rausfahren, mitten durch das Chaos eines ankommenden Flüchtlingsboots und ca. 250 schwerbewaffnete Polizisten!

(1) So nah und doch so fern! (2) Ohne Google Translator geht gar nichts. (3) Viele „wichtige“ Papiere!
Endlich öffnet sich das Tor!

Wir bezahlen den Agenten, wünschen ihn zur Hölle und kaufen den nächsten Supermarkt leer. Für zwei Wochen sind wir ausgerüstet und steuern ein Vogelschutzgebiet an, wo wir uns erstmal für eine Woche verstecken und zur Ruhe kommen. Die Polizei schaut einmal vorbei und kontrolliert die Pässe, macht aber keine Probleme (vielleicht ist es hilfreich, dass ich gerade splitternackt und eingeseift hinterm Auto stehe und dusche…). Orkanartiger Wind, Sonnenschein und Vogelgezwitscher, Spaziergänge, abends Froschkonzert und Landschildkröten, die den Weg kreuzen, sind unsere Szenerie.

Versteckt.

Dann wird die Nachrichtenlage zunehmend angespannter, die Provinzgrenzen werden geschlossen und so beschließen wir, uns auf den Weg zu einem Camp zu machen, das auf der „Safe Haven“ Map eingetragen ist. Die Straßensperre können wir problemlos passieren – das obligatorische Fiebermessen, Pässe vorzeigen und unsern selbstgebastelten Zettel vorzeigen, auf dem steht, wo wir herkommen und was wir machen – und kommen nach einer achtstündigen, ermüdenden Fahrt auf dem weitläufigen Privatgelände an, das unser Zuhause für die nächsten Wochen oder vermutlich eher Monate wird: Strand, haufenweise Tiere, nette Menschen und mittlerweile neun Overlander. Wir sind supererleichtert, die Anspannung der letzten Zeit macht sich schon bemerkbar. In den nächsten Tagen geht es mental auf und ab und nach und nach etabliert sich eine gewisse Routine: Morgendliche Laufrunde, Yoga, gemeinsames Grillen, und so weiter. Der Besuch auf dem Wochenmarkt samstags wird zum Highlight, bis auf einmal die erste Ausgangssperre meines Lebens ausgerufen wird, zwei Stunden vor Inkrafttreten. Obwohl wir hier auf dem Camp nicht wirklich viel mitbekommen von den Einschränkungen, fühlt es sich dennoch merkwürdig an. Nach zwei Tagen ist alles wieder vorbei, und wir fahren auf den Wochenmarkt nach Kemer, dem nächstgrößeren Ort. Mit sechs Mann im Mercedes Bus, es ist wie ein kleiner Klassenausflug. Auf dem Markt und im Ort ist von Panik oder veränderter Stimmung nichts zu spüren, jeder rennt wie vorgeschrieben mit Gesichtsmasken herum und verhält sich ansonsten wie immer. Bis unters Dach vollbeladen – wer weiß, wie lange die nächste Ausgangssperre ist – kommen wir wieder zurück im Camp an und sind für die nächsten anderthalb Wochen erstmal versorgt.


Das größte Highlight der ganzen Zeit ist aber unser kleiner Hausigel: Regelmäßig kommt er am Auto vorbeigestromert, holt sich sein Abendbrot ab, legt sich zu einem kleinen Verdauungsschlaf unters Auto (das erste Mal war ich so hingerissen, dass ich unters Auto gekrochen bin und ihm beim Schlafen zugeschaut habe) und geht dann weiter seines Wegs. Zum Dahinschmelzen! Auch sonst gibt es hier allerlei Getier auf unserer kleinen Farm: Wir stehen in der „Hühnersektion“, um die 20 Hühner laufen um unser Auto herum und picken und gackern, was das Zeug hält. Unglücklicherweise ist auch ihr Schlafbaum hier, sodass wir von herzhaftem Krähen zu unmöglichen Zeiten des Nachts geweckt werden. Schildkröten rennen in einer erstaunlichen Geschwindigkeit vorbei, und Katzen und Hunde statten uns auch regelmäßig ihren Besuch ab. Wir scherzen schon, wenn wir 2043 hier wieder abreisen können, haben wir den Schildkröten das Sprechen, den Hühnern das Radfahren und dem Igel Stepptanz beigebracht … Mal sehen, wann es für uns weitergeht!

Ein Gedanke zu „Gestrandet in der Türkei

  1. Hey ihr Lieben,
    ich bin ja erst durch die ganze Corona-Sache auf euch aufmerksam geworden 🙂
    Sehr interessant, euer Bericht zum Abholen des Fahrzeugs. Am Hafen in Izmir hab ich auch schon Nerven gelassen, wenn auch aus etwas anderen Gründen. Nur gut, dass bei euch letztlich doch alles gut ausgegangen ist.
    Danke für den Tipp mit der „Safe Haven Map“, davon hatte ich bislang leider noch nichts gehört. Anscheinend ist euer Safe Haven dort nicht mehr eingetragen?
    Wünsche euch alles Gute und dass ihr die Zeit gut übersteht.
    Lisa

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